Tag 9 - Dienstag, 31 Mai 2022: von Gori nach Chiatura, der Stadt der fliegenden Metallsärge

 

Heute morgen ging es zunächst über ein Stück Autobahn, dann weiter durch eine hügelige Landschaft, die mich zunächst an den Odenwald, dann das Allgäu und später an die Toskana erinnerte - bis ich nach Chiatura kam, der Stadt, der fliegenden Metallsärge!

Chiatura ist eine Bergarbeiterstadt: hier wird Mangan abgebaut, das man zur Veredelung von Stahl braucht. Entsprechend ist es hier: eine Industriestadt mit viel Dreck jenseits irgendwelcher EU-Normen. Die Zeit scheint noch irgendwie im Kommunismus stehen geblieben zu sein. 

Vor dem ersten Weltkrieg kamen aus dieser Gegend 40 % des Weltbedarfs an Mangan (!). In der Sowjetzeit war es eine typische Bergarbeiterstadt, bis dann mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion der Niedergang begann und viele der Einwohner weggingen. Heute wird nur noch in reduziertem Maße Mangan abgebaut.

Und was ist mit den fliegenden Metallsärgen? - 
Die Stadt durchzieht ein tiefes Tal. Um die Arbeiter von den Wohnblocks zu den Minen und zurück zu bringen, und um außerdem das abgebaute Erz zu befördern, wurde ein ausgeklügeltes Beförderungssystem entwickelt, das in der Welt einmalig ist: in Hoch-Zeiten waren bis zu 24 Personenseilbahnen und über 50 Transportseilbahnen in Betrieb - die meisten in den 50er Jahren genaut und noch bis vor kurzem in Betrieb. Die Bilder hier https://www.theatlantic.com/photo/2013/08/stalins-rope-roads/100577/ zeigen eindrucksvoll, wie man hier noch vor kurzem von A nach B kommen konnte - mit uralter Technik und einem Sicherheitsstandard, bei dem sich alle bei uns die Haare raufen würden.

Inzwischen sind die meisten Bahnen stillgelegt und werden sukzessive durch moderne Bahnen ersetzt. Die Bahn, die ich hier noch fotografieren konnte, hängt einfach so da, bis sie wahrscheinlich irgendwann von selbst herunterfällt. 

Am zentralen Platz gibt es inzwischen eine hypermoderne Station, bei der man in drei Richtungen fahren, bzw. umsteigen kann. Umsteigestationen mit Seilbahnen ist ja auch schon an sich was Besonderes. Eine Einzelfahrt kostet ca. 17 Cent. 


Hier eine alte Station, die nicht mehr in Betrieb ist. Solche "Lost Places" - Orte, die nicht mehr benutzt werden - gibt es hier wie Sand am Meer. Rost und Zerfall ist allgegenwärtig.


Ansonsten ist Chiatura eine eher hässliche Stadt. Es gibt sanfte Verbesserungen, aber man hat das Gefühl, der Kommunismus ist noch allgegenwärtig. 


Das Wasser des Flusses ist fast schwarz. Ich denke mal positiv und nehme an, dass das vor allem wegen des hier so dunklen Gesteins der Fall ist - und nicht etwa wegen irgendwelcher Verschmutzungen.


Trotz aller Hässlichkeit dennoch ein interessanter Ausflug in eine ganz, ganz andere Welt...





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